Marienschule früher

1879-1999 - 120 Jahre Marienschule

Aus der Geschichte der Marienschule alte Schule

120 Jahre Marienschule: Das ist Anlass über die Vergangenheit nachzudenken und die Vergangenheit zu erforschen. Diese Festschrift soll festhalten, was Kinder, Lehrerinnen und Eltern entdeckt haben und wie wir dieses Schuljubiläum gefeiert haben.

Der Schulbetrieb in unserer Schule wurde 1879 eröffnet. In unserer Chronik steht darüber:

''Durch die rasche Zunahme der Bevölkerung stellte sich im Jahre 1876 das Bedürfnis eines neuen Schulsystems für den nördlichen neu entstandenen Stadtteil ein, und es erwarb die Stadt durch den Oberbürgermeister Doetsch zu dem Zwecke ein den Gärtnern Weis und Vianden gehöriges Grundstück. Im Jahre 1877 wurde der Bau unter der Leitung des Stadtbaumeisters Lemke begonnen und bereits 1879 Herbst wurden 2 Knabenklassen und 2 Mädchenklassen eingerichtet, und es bildetet sich die Schülerzahl aus den 3 benachbarten Schulsystemen der Stifts-, Münster- und Freischule.''

Unsere Schule wurde also auf den Grundstücken von 2 Gärtnern gebaut. Um unsere Schule herum standen nicht so viele Häuser wie heute, sondern sie lag inmitten von Äckern und Wiesen. Die Bebauung begann erst. Es zogen plötzlich viele Leute in den Bonner Norden. Dies hat etwas mit der Entwicklung in ganz Deutschland zu tun. ''Die Bevölkerung in Deutschland explodierte.'' Das geschah aus mehreren Gründen:

Durch den medizinischen Fortschritt nahm die Säuglingssterblichkeit ab, und so erreichten immer mehr Menschen das zeugungsfähige Alter. Durch Verbesserung des Verkehrswesens gab es weniger Hungersnöte. Dampfschiffe und Eisenbahnen konnten Getreide von einem Erdteil in den anderen transportieren. Durch Erfindung neuer Maschinen (Dampfpflug und Dreschmaschinen) konnten viele Landarbeiter ersetzt werden und fanden keine Arbeit mehr auf dem Lande. Die technische Entwicklung ließ Fabriken in den Städten entstehen. Gewerbefreiheit wurde ausgeübt, so dass wirtschaftlicher Erfolg nicht mehr allein durch den gesellschaftlichen Stand geregelt wurde. So entwickelte sich Deutschland von einem Agrarstaat zu einem Industriestaat. Die Menschen wanderten vom Land in die Stadt, vom Osten Deutschlands in den Westen. Die rasche Besiedlung des Bonner Nordens geschah aus all diesen Gründen.

Dazu kam, dass die damalige Gesellschaft durch das Kaisertum geprägt wurde und der Adel Dienstleistungen brauchte. 1870/71 wurde in Versailles Kaiser Wilhelm I. zum deutschen Kaiser proklamiert. Aus vielen kleinen Staaten war ein großer Nationalstaat entstanden, unter der Vorherrschaft des Königs von Preußen, der nun deutscher Kaiser war. 1879, zur Zeit der Schulgründung, regierte noch Kaiser Wilhelm I. mit Hilfe seines Reichkanzlers Bismarck. 1889 folgte ihm für 99 Tage sein Sohn Friedrich III. auf den Thron. Im gleichen Jahr, nach dessen Tod, begann sein Enkel Kaiser Wilhelm II. seine Herrschaft. Die erste Schülergeneration unserer Schule hat also 3 Kaiser erlebt. Ihr Leben wurde durch das Kaisertum beeinflusst. Das größte Ansehen in der damaligen Gesellschaft hatten die Adligen und das Militär. Das Militär deshalb, weil es Deutschland den Krieg gegen Frankreich 1870/71 gewinnen ließ. ''Gehorsam war eine Bürgerpflicht.'' Der Staat war ein Obrigkeitsstaat. Man sah dies an der Kleidung der Menschen. Mit Stolz trug man Uniform, sogar im Parlament und in der Universität. Die Kinder wurden in Matrosenanzüge gesteckt und Gehorsam wurde von ihnen erwartet. Auch in Bonn war das so.

Da Bonn Universitätsstadt war und landschaftlich schön gelegen war, zogen viele Adlige und reiche Leute nach Bonn. Selbst die kaiserliche Familie liebte es in Bonn zu verweilen. Das bevorzugte Wohngebiet für diese Gesellschaftsschicht war der Bonner Süden. Diese Herrschaften brauchten Dienstleistungen. Diese dienstleistende Bevölkerung siedelte sich im Bonner Norden an. Es entstanden im Bonner Norden viele kleine Handwerksbetriebe wie Schuster, Schneider, Schreiner, Polsterer, Schmiede, Seilspinner, Ziegeleien u. a.

''Deutschland war im technischen und wirtschaftlichen Aufbruch.'' Die Kaiser, besonders Wilhelm II., unterstützten diese Entwicklung. Man spricht auch von der Gründerzeit. Deutschland errang damals eine Spitzenstellung in der Chemie und der Pharmazie, der Optik, der Feinmechanik, der Elektrotechnik.

Großunternehmen wurden gegründet, die heute noch existieren, wie Siemens, Bosch, Carl Zeiss, Bayer, Hoechst. Im Bonner Norden machte sich die Gründerzeit auch bemerkbar: Es entstanden die Gaslaternenfabrik in der Alexanderstraße (wo auch Kinder beschäftigt wurden), die Orgelbauwerkstatt Klais, der pharmazeutische Betrieb Gerhard, die Fahnenfabrik, das Fotoatelier Schafgans, Seilspinnerei Lenz, mehrere Ziegeleien unter ihnen die Ziegelei Gericke, Fuhrhalterei Linden und viele mehr. Die Ursachen des Erfolges waren die Herstellung von Qualitätsware und neu entwickelten Produkten. Die Tugenden wie Fleiß, Tüchtigkeit, Ordnungssinn, Disziplin und Sparsamkeit begünstigten diese Entwicklung. "Made in Germany" war damals ein Markenzeichen. Von der Qualität handwerklicher Arbeit unseres Viertels kann man sich heute auch noch beim Orgelbauer Klais, beim Kunstschmied Karl König, beim Polsterer Fuhs, Schreinermeister Holtmann und vielen anderen und nicht zuletzt beim Parkettleger Kaspari überzeugen, der zur 120-Jahr-Feier unsere Bühne gebaut hat.

Es kam nicht nur auf die Praktiker oder Tüftler und Erfinder mit genialen Einfällen an, sondern auch auf die ''Systematik wissenschaftlicher Forschung und guter Ausbildung.'' Besonders Wilhelm II. begünstigte, dass immer mehr Universitäten, Realgymnasien und Technische Hochschulen entstanden. Um Handwerker zu werden, schloss sich an die Volksschule eine mehrjährige Lehre an. Ein Handwerker wurde ein qualifizierter Facharbeiter. Durch die Errichtung der "Schule an der Heerstraße" 1879 nahm der Bonner Norden an der bildungspolitischen Entwicklung teil.

Eine neue Schule wurde also zur damaligen Zeit im Bonner Norden errichtet, weil es eine Bevölkerungsexplosion gab, weil das Kaisertum Dienstleistungen erforderte, weil es einen technischen und wirtschaftlichen Aufschwung gab und weil Wert auf systematische Ausbildung gelegt wurde.

Von der damaligen Pädagogik unserer Schule wird in unserer Chronik wenig ausgesprochen. Man kann sie nur zwischen den Zeilen entdecken. Zu Kaisers Geburtstag, der jedes Jahr ausführlich gefeiert wurde, erhielt das jeweils fleißigste Kind ein Buch. Fleiß war ein wichtiges Ziel.

Wenn die Majestäten nach Bonn kamen, gab es schulfrei, und die Kinder und Lehrer standen Spalier, um den Kaiser und seine Gattin zu begrüßen. Die Beschimpfung einer Lehrerin wurde 1898 mit 10 Tagen Gefängnis bestraft. Nachsitzen war erlaubt. Es gab ein Züchtigungsrecht der Lehrer. Um einem Missbrauch vorzubeugen, wurde 1899 die Verordnung erlassen, dass jede Züchtigung in ein Strafverzeichnis eingetragen werden sollte.

Kinder, die nicht in die Schule kamen, wurden von der Polizei geholt. Autoritätsgläubigkeit war ein wichtiges Ziel. Belohnungen und Bestrafungen waren die Folge.

Es gab eine Verordnung, dass Kinderarbeit bei schulpflichtigen Kindern eingeschränkt wird, d.h. es war üblich, dass Kinder neben der Schule arbeiteten.

Jungen und Mädchen wurden getrennt unterrichtet. Unsere Schule wurde in der Mitte geteilt: Sie bestand aus einer Knaben- und einer Mädchenschule mit je eigenem Schulhof. Mädchenerziehung war deutlich von Jungenerziehung unterschieden. Viele Mädchen besuchten nach unserer Volksschule den Haushaltsunterricht in der Wilhelmschule. Eine Frau wurde damals dazu ausgebildet, eine gute Hausfrau zu sein, Kinder zu erziehen und eine gute Christin zu sein. Mädchen an den Universitäten gab es nur vereinzelt. Eine berufstätige Frau wurde nicht begünstigt. In unserer Chronik steht, dass jede Lehrerin, die heiratete, die Schule verlie�?.

Schon von Anfang an wurden zwei Jahrgänge zusammengefasst. Später gab es reine Jahrgänge, da die Klassen immer größer wurden.

''Die Eröffnung der "Schule an der Heerstraße" war mit keiner Feierlichkeit verbunden. Die Lehrerin E. Hunold musste die Kinder des dritten und die Hälfte des zweiten Schuljahres übernehmen; die Lehrerin G. Hunold bekam die Kinder des ersten und die andere Hälfte des zweiten Schuljahres.''

Die "Schule an der Heerstraße" spiegelte im Kleinen den Zeitgeist des Kaisertums wider: Obrigkeitshörigkeit, Übung, Fleiß, Ordnung, Disziplin, Pünktlichkeit und harte Arbeit wurden gefordert. Dies waren damals die Schlüssel zum Erfolg.

''Ingrid Kansy''

Aus der Chronik der Marienschule

1879Errichtung der "Schule an der Heerstraße" wegen starken Bevölkerungszuwachs. Es wurden 2 Knaben- und 2 Mädchenklassen eingerichtet. In der Knabenschule waren erste Lehrer: Herr Breuer und Herr Zimmermann, in der Mädchenschule Frau Elise Hunold und Frau Gertrud Hunold.
1883Die Schülerzahl stieg rasch an. Schon musste an jeder Seite des Hauses ein Flügel mit je 4 Klassenräumen angebaut werden. Die schönen Lindenbäume, die heute noch Schatten spenden, wurden gepflanzt.
1892Errichtung der Marienkirche, da die Bewohner sich ein Gotteshaus in die Nähe der Schule wünschten. Der erste Geistliche war Kaplan Menniken, er gab auch Religionsunterricht in der "Schule an der Heerstraße".
1898/99Bekanntmachung folgender Polizeiverordnung: ''Die gewerbliche Nebenbeschäftigung schulpflichtiger Kinder ist morgens vor Beginn des Unterrichts höchstens während der Dauer einer Stunde gestattet. Die gewerbliche Nebenbeschäftigung schulpflichtiger Kinder ist nach 8.00 Uhr abends verboten. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe (bis zu 30,00 RM) oder entsprechender Haftstrafe geahndet.'' %%% In der Chronik steht: %%% Jedes Jahr wurde des Sterbetages von Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. gedacht. %%% Jedes Jahr berichtet die Chronik von ausführlichen Feiern des Geburtstages seiner Majestät, Kaiser Wilhelms II. In jeder Klasse wurden Gedichte und Lieder gesungen und ein Lehrer hielt eine Rede über den Kaiser. Die oberen Klassen feierten sogar mit den umliegenden Schulen in der Beethovenhalle. Das bravste und fleißigste Kind jeder Klasse bekam ein Buch geschenkt. %%% Jedes Mal, wenn der Kaiser nach Bonn kam, eilten die Schulklassen ihm mit ihren Lehrern entgegen, um ihn zu begrüßen.
1891standen die Schüler am Rhein, da der Kaiser mit dem Schiff ankam.
1901erschien Kaiser Wilhelm II. mit dem Kronprinz Wilhelm zur Immatrikulation desselben an der Universität. Unsere Schulkinder standen vom Koblenzer Tor bis zum Kaiserplatz.
1902erschienen die Majestäten zum Commerce der Borrussen. Es fand eine Parade auf der Hofgartenwiese statt. (Begrüßung durch die Kinder)
1905war Kaiser Wilhelm II. anwesend bei der Denkmalenthüllung Kaiser Wilhelms I. Die Majestäten begrüßten die Kinder im Automobil.
1914/18Während des Krieges war der Keller des Schulhauses Kartoffellager und Verkaufsstelle. Einmal hatten die Kinder schulfrei, weil die faulen Kartoffeln stanken.
Nach dem Krieg litten die Kinder an Blutarmut und Grippe. Die Kinder der Karlschule kamen hierher, da ihre Schule von den Besatzungstruppen benutzt wurde.
1920erster gemeinsamer Martinszug
1921Vereinigung von Mädchen- und Knabenschule. Wegen des gro�?en Hungers gab es die Quäkerspeise.
1923Erst jetzt wurde die "Schule an der Heerstra�?e" in "Marienschule" umbenannt.
1926/27Reichsjugendwettkämpfe in 100m Lauf, Weitsprung, Weitwurf
1927Bau einer Turnhalle mit Zeichensaal. Einrichtung eines Rektorzimmers
1928/29612 Schüler. Wegen des sehr strengen und kalten Winters, die Temperatur sank auf -16 bis -20 Grad, und des Kohlenmangels erhielten die Schüler außerordentliche Ferien vom 20. 2. bis 01. 03.
1931/32Lehrermangel (mehrere krank, Überalterung des Kollegiums)
1939/45Luftschutzkeller unter der Schule, der von Schülern besucht wurde
1942Schwere Sprengbomben in anliegende Straßen, Fensterscheiben und Fensterrahmen wurden völlig zerstört
1943Amerikanische Flieger griffen Bonn an. Ein Kanister fiel auf den Schulhof und einer durchschlug das Dach, beide zündeten glücklicherweise nicht. Die Kinder blieben völlig unbeschadet.
1945Heftige Straßenkämpfe im Stadtinneren und im Bonner Norden.
Der regelmäßige Unterricht begann wieder am 24.07.45.
Schulspeisung gab es nach dem Krieg
1946Entscheidung ob Bekenntnis- oder Gemeinschaftsschule. Die Eltern entschieden sich für eine Bekenntnisschule.
1948Hilfsschule wurde zusätzlich in dem Gebäude untergebracht.
1949wieder Teilung in Knaben- und Mädchenschule
1951neue Schulmöbel
1953neue Aula fertig
1959Umbau der Marienschule zur jetzigen Form, leider wurde auch das schöne äußere Bild geändert. In die Mauer des Grundstückes wurden 2 Tore eingesetzt. Ein Hausmeisterhaus wurde gebaut für Hausmeister und Bildstelle. Sanitäre Anlagen wurden erneuert. (Es gab nur 2 Waschbecken)
1964/65Schülermangel
1968Alte Volksschule wird im Zuge der Neuordnung in eine Grund- und Hauptschule getrennt. Sie verbleibt als "Marienschule - Kath. Grundschule der Stadt Bonn".
1969Pausenhöfe werden öffentliche Spielplätze am Nachmittag.
1969Hausaufgabenbetreuung (Silentium) für ausländische Kinder und deutsche Kinder beginnt.
19731. Pestalozzischule zieht aus. Neues Lehrerzimmer wird gebaut.
2. Bildstelle zieht ein und erhält 6 Räume.
1976Eltern von 100 Schülern der Frankenschule stellen geschlossen den Antrag, in die Marienschule aufgenommen zu werden.
1976Schule erhält Akustikdecken, Schulbühne wird errichtet.
1978Ein Raum wird für Unterrichsmitschau umgestaltet.
1985Errichtung eines Montessoriraumes
1989Die Schule erhält zur 2000-Jahr-Feier der Stadt Bonn einen neuen Anstrich.
1990Gründung der Elterninitiative "Marienkäferhort"
1992Gründung des Fördervereins der Marienschule
1994Neben den bewährten reinen Jahrgangsklassen wird die erste jahrgangsübergreifende Klasse errichtet
1995Anstieg der Schülerzahlen, deshalb Wegzug der Stadtbildstelle (Medienzentrum)
1996Errichtung eines Zaunes für den Pausenhof
1999Gründung einer Übermittagsbetreuung "ÜMI" unter Leitung des Fördervereins %%% Bau einer neuen Schulbühne unter Leitung von Herrn Rudolf Kaspari
1999120-Jahrfeier (191 Schüler, davon 70 Ausländer, multikulturell)